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Pst! ... Flüsterpost im Requirements Engineering

Pst! ... wir spielen Flüsterpost - oder: wie uns ein Klassiker der Kinderspiele helfen kann, Probleme in der Kommunikation aufzudecken und zu erleben.

How Projects Really Work

Das Cartoon "How Projects Really Work" ist vermutlich den meisten Menschen in der IT schon mal in der ein oder anderen Form begegnet und damit wohl eines der ältesten Memes in diesem Bereich. Kaum ein Büro in dem das Cartoon nicht ausgedruckt an der Wand der Küche oder des Gemeinschaftsraums hängt:

Ich verwende das Cartoon selbst auch gerne als Einstieg für meine Seminare und Workshops im Bereich Requirements Engineering. Das Cartoon bildet natürlich ein Klischee ab - aber genau deswegen ist es ja auch so gut.

Flüsterpost beim Kindergeburtstag ...

An dieser Stelle soll es aber nicht um das Cartoon ansich, sondern um die dahinterstehende Aussage gehen. Im Prinzip wird dabei das altbekannte Kinderspiel "Flüsterpost" (auch bekannt als "Stille Post") dargestellt: der erste flüstert dem zweiten etwas ins Ohr, dieser versucht es zu verstehen und flüstert es dann dem nächsten ins Ohr. Das geht immer so weiter, bis der letzte in der Reihe das Wort laut aussprechen soll. Meistens ist das Gelächter dann groß, weil am Ende ein völlig anderes (oft unsinniges) Wort genannt wird als am Anfang.

... und in der Softwareentwicklung

Übertragen auf die Softwareentwicklung sehen wir den gleichen Effekt häufig im Zusammenhang mit Anforderungen: auch hier sagt einer was und der andere versucht es zu verstehen und zu interpretieren. Durch Fokussierung, Auslassung und Abstraktion durch den Sender entstehen dann semantische Lücken, welche der Empfänger dann durch Interpretation und Annahmen schließen muss. Heraus kommt am Ende dann nicht selten ein Produkt welches nicht den Vorstellungen des Auftraggebers entspricht.

Von der Theorie in die Praxis

In der Theorie ist dies wohl auch jedem klar und bewusst, interessant wird es aber wenn man mit seinen Seminar- oder Workshopteilnehmern mal auf die konkrete Ebene geht und das Prinzip anhand einer praktischen Übung erlebt.

Wir wandeln dabei die Übung ein bisschen ab: es werden nicht einzelne Wörter weitergeflüstert sondern umfangreichere Beschreibungen von komplexen Situationen.

Der Ablauf von "Flüsterpost"

Als erstes wählt der Trainer ein Bild mit unterschiedlichen Aspekten, z.B. verschiedenen Elementen, Ebenen, Formen, Strukturen, Mustern, Farben, Figuren - je mehr, desto schwieriger die Übung. In unserem Beispiel habe ich mich für die Aufnahme eines Marktplatzes entschieden:

 

Als nächstes verlassen alle Teilnehmer bis auf einen den Raum. Der Teilnehmer hat nun eine Minute Zeit das Bild zu betrachten und sich einzuprägen.

Das Bild wird verdeckt und der zweite Teilnehmer kommt in den Raum. Der erste Teilnehmer hat nun eine Minute Zeit, um dem zweiten Teilnehmer das Bild zu erklären. Danach kommt der dritte Teilnehmer in den Raum und bekommt vom zweiten Teilnehmer innerhalb einer Minute das Bild erklärt. Rückfragen sind dabei jeweils nicht erlaubt.

Nach drei bis vier Teilnehmern bittet der Trainer den letzten Teilnehmer, das Beschriebene aus dem Gedächtnis auf einem Flipchart aufzumalen, er hat dafür eine Minute Zeit.

Danach wird das Gemälde des letzten Teilnehmers verdeckt und das Bild wieder gezeigt. Der nächste Teilnehmer kommt in den Raum und das Spiel geht von vorne los.

Jeder Teilnehmer der bereits dran war verbleibt im Raum und beobachtet den weiteren Ablauf.

Zum Ende der Übung werden dann - je nachdem wieviele Personen an der Übung teilnehmen - mehrere Zeichnungen des Bildes vorliegen. Die Zeichnung werden  nebeneinander aufgehängt, so dass man sie untereinander und mit dem Bild vergleichen kann.

In unserem Beispiel haben 14 Personen an dem Workshop teilgenommen und dabei vier Zeichnungen erstellt (einmal nach vier und dreimal nach drei Personen):

Zeichnung #1:

 

 Zeichnung #2:

 

Zeichnung #3:

 

 

Zeichnung #4:

Lessons Learned

Die Übung ist sehr gut geeignet, um typische Störungen in der Kommunikation und Übermittlung von Informationen (sogenannte Transformationseffekte) aufzuzeigen und zu erleben, z.B.:

  • Fokussierung: Jeder Teilnehmer fokussiert sich auf ganz unterschiedliche Aspekte des Bildes. Dabei hängt es insbesondere von der Wahrnehmung des jeweils ersten Teilnehmers (der das Bild betrachten kann) ab, welche Aspekte dann weitergegeben werden. In unserem Beispiel war es die Hufeisenform des Platzes und die konkrete Anzahl von Sonnenschirmen (Zeichnung #1), die Menge von elf Personen mit rotem Oberteil (#2) oder der Brunnen (#3 und #4).
  • Verlust von Details: Von Teilnehmer zu Teilnehmer gehen immer mehr Details verloren. Während z.B. der erste Teilnehmer noch von den unterschiedlichen Formen der Häuser und Farben der Dachziegel berichtet, ist beim letzten Teilnehmer nur noch die Tatsache präsent, dass überhaupt Häuser auf dem Bild zu sehen sind.
  • Abstraktion: Ähnliche Aspekte werden sehr schnell abstrahiert und zusammengefasst. Um das Bild als Ganzes überhaupt erfassen zu können, werden bspw. die Häuser oder die Menschen nur als Gruppen von gleichen Elementen wahrgenommen.
  • Implizite Annahmen: Das ist eine der spannendsten Beobachtungen. Häufig finden Elemente ihren Weg in die Zeichnungen, von den niemand vorher berichtet hat, sie entstammen nur den impliziten Annahmen der jeweiligen Zeichner. In unserer Übung war das bspw. die Sonne die gleich in drei Zeichnungen (#1, #2 und #3) auftaucht oder die Stühle bei den Schirmen (#1, auf dem Bild sind zwar Stühle zu erkennen, allerdings hat kein Teilnehmer von diesen berichtet, der letzte Teilnehmer hatte lediglich angenommen dass es sich um ein Café handelt und demnach auch Stühle vorhanden sein müssten). 
  • Das große Ganze: Für den Teilnehmer der das Bild erklärt bekommt ist es sehr wichtig, ob er den Gesamtzusammenhang versteht oder nicht. Wenn der Teilnehmer z.B. weiß dass es sich um einen Markplatz handelt, der hufeisenförmig von mittelalterlichen Häusern umrandet ist, kann er die Details viel besser einordnen und in Kontext bringen. Ohne diesen Gesamtzusammenhang werden häufig nur viele Details berichtet, für den Zuhörer ist es dann sehr schwierig bis unmöglich, sich die Szene vorzustellen.

Diese Effekte lassen sich in der Praxis nicht selten im Umgang mit Anforderungen beobachten. Stakeholder unterliegen häufig der falschen Annahme, dass vieles selbstverständlich ist und nicht explizit genannt werden muss. Aufgrund von unterschiedlichem Erfahrungs- und Wissensstand entstehen Kommunikationsprobleme, insbesondere in der Dokumentation der Anforderungen.

Mehr Infos zum Thema Seminare und Workshops im Requirements Engineering unter www.qualitydojo.com.

 

Quellen:
Cartoon: http://projectcartoon.com/cartoon/867912
Marktplatz: https://www.goslar.de/tourismus

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